★★★ Thr33ky-Athlet Timo Litters ★★★

Mich reizt dieser Brain-Fuck!

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Text: Thomas Raukamp, Fotos: Timo Litters (privat)

Damit hat Timo Litters nun wirklich nicht gerechnet. Als der Extremläufer aus dem Flugzeug aussteigt, ist es zunächst einmal kalt. Richtig kalt sogar. „Das Wetter spinnt derzeit überall“, sagt er nachdenklich, „und in Ländern wie Costa Rica ist es besonders extrem.“ Er muss schmunzeln, wenn er an seine erste Besorgung denkt, die er in dem zentralamerikanischen Staat, der im im Norden an Nicaragua und im Süden an Panama grenzt, denkt: Handschuhe habe er sich gekauft.

230 Kilometer in sechs Tagen

Handschuhe also. Und das  an der Südpazifikküste, wo sonst im Februar eine Durchschnittsttemperatur von immerhin 28 herrscht. Dies sind die Umstände, die in Costa Rica die Bühne für ein Extremlauf-Spektakel der ganz besonderen Art bereiten: Die „Coastal Challenge“ schlängelt sich im Februar in sechs Etappen entlang tropischer Küsten und der Talamanca-Gebirgskette sowie traumhaft schöner Sandstrände durch Mangroven und dicht bewachsene Regenwälder. Kantige Gebirgszüge wechseln sich mit verlockenden klaren Flüssen ab, bis nach knapp 230 Kilometern endlich der Corcovado-Nationalpark im westlichen Teil der Habinsel Osa erreicht ist. 10.000 Höhenmeter sind während des Extremlaufs, der 2016 in seine zwölfte Auflage ging, zu überwinden. Das hinterlässt Spuren: Nach der 35 Kilometer langen vierten Etappe etwa – die hohen Temperaturen waren längst zurück – schrieb Timo Litters auf Facebook: „Hitze, Feuchte, Insekten – ich bin am A…“ Er zieht es dann doch durch: 6:22 Stunden braucht er für die Teilstrecke.

Dabei hat sich der Daimler-Mitarbeiter aus Bürstadt gar nicht allzu gezielt auf die Anstrengung vorbereitet. Wie soll man sich in der Oberrheinischen Tiefebene auch auf den lateinamerikanischen Dschungel und eine zu erwartende Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent einstellen – auch wenn sich Bürstadt selbst als „Solar-Metropole im Hessischen Ried“ bezeichnet? „Man muss gesund sein, ein paar Kilometer in den Beinen haben und auch in der gedanklichen Bewältigung eines Ultralaufs bereits einige Erfahrungen gesammelt haben“, erklärt Timo die grundsätzlichen Anforderungen an einen Ultraläufer, der die extreme Herausforderung fernab der Heimat sucht. „Das alles ist wichtig. Aber ein spezielles Training? Ich bin halt einfach gelaufen. Der Wille zählt!“

Dieser Wille definiert Timo Litters, scheint tief in seine läuferische DNA eingegraben. Zumal die Coastal Challenge der erste Mehretappenlauf war, an dem Timo teilnahm: „Ich wusste also gar nicht so richtig, was auf mich zukam“, sagt er rückblickend. Trotzdem ist der Dschungel nichts Neues für den Weltenbummler, der Reisen nur allzu gern mit der sportlichen Herausforderung des Trail-Runnings verbindet: „Ich war zwar schon in Dschungelgebieten in Malaysia, in Thailand und Vietnam. Aber jeder Dschungel ist anders, ganz genau wie sich Gebirgsketten voneinander unterscheiden.“ Im Vergleich zu derart exotischen Erfahrungen erschien Zentralamerika dem passionierten Rucksack-Abenteurer fast gewöhnlich: „Ich mag eher die extreme kulturelle Fremde, diesen ,Brain Fuck’, den etwa Indien bietet“, sagt er, um dann fast beschwichtigend nachzuschieben: „Aber den Dschungel und das Reisen finde ich natürlich auch cool!“

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Kein Zurück mehr

Den Lauf entlang der „reichen Küste“ wollte Timo eigentlich im Team angehen – eine gelungene Abwechslung zu seinen Erfahrungen im von der Konkurrenzsituation geprägten Triathlonsport, der seine Athleten immer etwas einsam mache. Zusammen mit Frank Reintjes, einem befreundeten erfahrenen Extremsportler aus Braunschweig, wollte er sich der Herausforderung der Coastal Challenge stellen. Doch der Hals-Nasen-Ohren-Arzt musste aufgrund einer Verletzung passen – an eine Absage dachte Timo Litters trotzdem nie: „Mir war klar, dass ich die Sache dann eben allein durchziehe – ich bin nicht der Typ, der etwas hinwirft. Außerdem war der Flug gebucht, die Anmeldung erledigt, die Fokussierung im Kopf bereits da. Da gab es kein Zurück mehr.“

Was dieses Einzelkämpfertum allerdings bedeutet, merkte Timo bereits auf der ersten Etappe: „Die ersten 13 Kilometer fielen mir extrem schwer. Ich dachte: ,Wenn dieses Gefühl anhält, habe ich keine Ahnung, wie es weitergehen soll.’“ Doch die Gewöhnung an die extremen Bedingungen erfolgte schneller, als der erst zweite Deutsche, der je an der Coastal Challenge teilnahm, befürchtete: „Der menschliche Körper kann sich extrem schnell auf neue Situationen einstellen. Zumindest wenn der“ – da ist er wieder – „Wille da ist“, sagt er, um dann aus seiner reichen Erfahrung in Extremsituationen zu schöpfen: „Menschen sind außerordentlich vielseitige Wesen. Die Natur hat Tiere auf die Aufgaben perfektioniert, die ihnen angeboren sind. Der Mensch kann sich viele Dinge aneignen – auch die krassesten Gegensätze.“ Und tatsächlich: „Beim Laufen habe ich mich schnell so heimisch gefühlt wie zu Hause im Odenwald.“

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Travel Light!

Zwischen den verschiedenen Camps „reiste“ Timo Litters mit leichtem Gepäck. Der Veranstalter transportierte etwa das Zelt von Etappenziel zu Etappenziel. „Ich nahm auf den Strecken immer nur die Verpflegung mit, die ich voraussichtlich benötigen würde – in erster Linie also Wasser“, erklärt Timo. Raus aus den Federn ging es indes früh: „Wir standen früh um vier auf, stellten dem Veranstalter unsere gepackte Gepäcktasche hin – und liefen los.“

Auf den einzelnen Etappen verschwammen die Sinneseindrücke mit den eigenen Gedanken und dem nach einer Weile motorisch gesetzten Schritten zu bis zu 60 Kilometer währenden Laufmeditationen. „Die optischen und akustischen Eindrücke und auch die Gerüche nimmt man während des Laufens sehr extrem wahr – schließlich sind die Sinnesorgane des Menschen genau für diese Geschwindigkeit ausgelegt“, unternimmt Timo den Versuch, dieses ständige „High“ zu beschreiben. Besonders die intensive Akustik könne man sich nur schwer vorstellen – schließlich sei es hierzulande schon schwer, überhaupt so weit in die Wildnis einzutauchen, ohne nicht zumindest entfernt das „Grundrauschen“ menschlicher Zivilisation wahrzunehmen. „Im Camp des Veranstalters lief etwa ein Stromaggregat zur Energieversorgung der Küche. Trotzdem konnte man es abends nicht hören – der Dschungel war schlichtweg zu laut“, erinnert sich Timo. „Ich genoss diese Akustik; viele klagten darüber, nicht schlafen zu können – ich hatte damit aber überhaupt keinen Stress.“ Nach einer kleinen Pause schränkt er lachend ein: „Ich war aber zugegebenermaßen abends auch völlig am Arsch!“

Die Hitze auf der Haut, das ewig schwüle Klima, der Geruch, der Klang und die ständige optische Reizüberflutung des Dschungels sind es dann auch, die Timo von der Coastal Challenge besonders im Gedächtnis bleiben. Und an noch etwas denkt der Extremsportler nur allzu gern zurück – seine Mitstreiter auf den malerischen Strecken: „Diese Menschen sind mir besonders ans Herz gewachsen. Wer an solch einem Etappenlauf teilnimmt, sucht in erster Linie das Abenteuer – und weiß auch von einigen zu erzählen. Wir waren wie eine Familie, in der man zwar eine Nummer trägt, aber keine ist. Da trinkt man vor einem Lauf auch mal ein Bier zusammen – das würde für einen ernsthaften Triathleten nie infrage kommen.“

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Erlebniswelt vor der Tür

Es muss nicht immer die Ferne sein, die Timo Litters in die Natur zieht – der nur drei Fahrradminuten von der heimischen Haustür entfernte Wald tut es auch. Der preisgekrönte Fotograf (ausgezeichnet vom Nachrichtenmagazin „Stern“ als „Naturfotograf des Jahres“ hat hier etwa das Projekt „ParallelWelt RaubWild“ ersonnen, in dem er heimische Füchse intensiv studiert und dokumentiert. „Mit der Kamera auf ein Tier zu warten, umfasst eine meditative Dimension“, erklärt er seine Faszination. Hier schließt sich der Kreis zu seinen Laufabenteuern: „Du musst deine Aufmerksamkeit komplett auf das reduzieren, was du gerade tust. Und zwar auch im Alltag. Die heimischen Natur wird total unterschätzt – wobei ich darüber auch ganz froh bin, sonst wäre der Wald ja voll mit Menschen, die den Fuchs suchen“, sagt er und lacht.

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Pläne für neue sportliche Herausforderungen kreisen bereits wieder in Timo Litters Kopf herum. Vielleicht gehe es wieder nach Südostasien. Vielleicht aber auch nach Südamerika: „Ich würde gern am ,Expedition Race’ in Patagonien teilnehmen. Das sind knapp 800 Kilometer in neun Tagen, die per Laufen, Mountainbike und Kajak zu überwinden sind“, beschreibt er seine ersten Gedanken.

„Timo never stops moving“ – so heißt sein Blog eben nicht ohne Grund.

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Athletensteckbrief Timo Litters

Name
Timo Litters
Geburtstag
11. September 1979
Nationalität
Deutscher
Wohnort
Bürstadt/Hessen
Lieblingsort
Wald, Berge, Kalkutta
Ziele
Niemals still zu stehen
Highlights
Meine erste Rucksackreise nach Indonesien
Motto
„Die Welt ist ein Buch. Wer nie reist, sieht nur eine Seite davon.“ — Aurelius Augustinus
Lieblings-Thr33ky-Produkt
シ Alle! Da sie von kreativen Köpfen stammen.

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